
Dass man montags ungern zur Arbeit geht, ist ja nun nicht gerade die neuste Information. Aber diese Woche hat mir der montägliche Arbeitsalltag besondere Selbstbeherrschung abverlangt, denn zum üblichen Meetingstress und einem rammelvollem Posteingang hat sich seit letztem Freitag ein neues Arbeits“problem“ gesellt.
Aber mal von Anfang an. Letzten Freitag, kurz nach der mittäglichen Kantinenpause, habe ich gerade (wenn auch widerwillig) die Arbeit wieder aufgenommen und bin dabei, mich durch ein paar lästige Kundenanfragen zu ackern, als mir einfällt, dass ich meinen Urlaubsschein ja noch vom meinem Chef abzeichnen lassen wollte.
Mein Chef ist Sebastian, und ich nenne ihn auch so, denn bei uns in der Firma herrscht gemäß Vorgabe das Ikea-Prinzip – soll heißen, jeder redet jeden, ungeachtet des hierarchischen Status, mit Du an, weil wir ja alle sooo teamfähig und kollegial verbunden sind. Daher hat man mit den meisten Vorgesetzten ein eher amikales Verhältnis, und mit Sebastian, meinem Chef, sowieso, denn den hab ich bislang immer für einen gemütlichen Zeitgenossen gehalten, dessen bildhaften Erzählungen über seine Studienzeit man gerne mal in der Kaffeepause lauscht und mit dem man auch mal auf ein Afterwork-Bierchen gehen würde.
„Du Sebastian, hast du mal kurz...“ beginne ich also, als ich nur noch 2 Schritte von seinem Schreibtisch entfernt bin. In unserem Großraumbüro sind alle Kollegen in einem Radius von maximal 15 Metern versammelt, nur getrennt von ein paar Regalen zwischen den Tischen und ein paar sauerstoffspendenen Topfpflanzen darauf.
Doch was flackert mir da von Sebastians Bildschirm entgegen? Nicht etwa halb beantwortete Emails oder Browserfenster mit arbeitsbezogenem Informationsgehalt, sondern...
... entblößte und verschwitzte Körperteile (oder besser gesagt: primäre weibliche und männliche Geschlechtsorgane), die eindeutig nicht jugendfreien Tätigkeiten nachgehen. Zwar ohne Ton, aber in Vollfarbe und Bewegung. Das Ganze hat Sebastian aufs wesentliche begrenzt, indem er das Videofenster auf eine kleine Fläche von 5 mal 7 Zentimetern verkleinert hat (was einer gewissen Logik nicht entbehrt, denn so kann man es bedarfsweise ja auch jederzeit nach links oben auf den Schirm schieben, während man seine Mails beantwortet).
Für meinen geistesgegenwärtigen Themenwechsel, mit dem ich dank meines blitzschnellen Reaktionsvermögens die Kurve gekriegt habe, gebührt mir eigentlich ein Academy Award. In einer fließenden Kopfbewegung wende ich den Blick vom Korpus delicti auf dem Bildschirm auf eine Broschüre, die neben allerlei Zettelwerk auf dem Tisch liegt und sage (in hoffentlich nicht allzu auffällig unauffälligem Tonfall):
„Aaahh, das klingt ja mal nach einer spannenden Innovation!“ und starre bekräftigend auf die Titelseite des Prospekts, obwohl ich eigentlich keine Ahnung habe, wozu das darauf abgebildete Teil gut sein soll.
Aus dem Augenwinkel bekomme ich aber noch gut mit, wie Sebastian hektisch das Fensterchen wegklickt und sich dann puterroten Kopfes zu mir umdreht.
Ach du Scheiße, mein Chef ist ein Pornofreak, den es offenbar schon 5 Minuten nach der Mittagspause nach opischen Reizen gelüstet! Aber bei all den strikten Sperren gegen außerberufliches Internetsurfen kann er doch gar nicht auf solche Seiten zugreifen, was wiederum bedeutet, dass es sich seine Videos auf CD oder Stick mitbringen muss...
Oh Gott, war das jetzt etwa ein Homevideo?!?
Obwohl mein Gehirn scheinbar beschlossen hat, jetzt allen möglichen widerlichen Assoziationen zu produzieren, schaffe ich es gerade noch, meinen Urlaubsschein von Sebastian abzeichnen zu lassen (wobei ich penibelst vermeide, irgendetwas anderes als den Kugelschreiber anzuschauen) und zu meinem Platz zurück zu verschwinden.
Nun – ein Wochenende später – sind die assoziativen Bilder im Kopf immer noch da. Nach gründlicher Überlegung ist mir immer noch zu kein schlüssiger Grund dafür eingefallen, warum mann sich mittags in der Firma, umringt von Kollegen, dem Pornoschauen hingibt, und vor allem, welches physiologische Endziel mann dabei anstrebt...?
Noch dazu hält auch Herr B. meine Vermutung, dass es sich bei dem anrüchigen Video um Eigenmaterial handelt, für nicht gänzlich unmöglich, was wiederum impliziert, dass ich meinen Chef nun besser kenne als mir eigentlich lieb ist. Obwohl es ja grundsätzlich nie schadet, wenn man fallweise ein paar Leichen aus dem Chefkeller kennt....
Trotzdem: manchmal wünschte ich echt, ich wäre Hausfrau!